Joerg Mandernach - Visual Artist, Kuenstler, Maler, Grafiker, Stuttgart

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Christoph Kivelitz
Über  Gedankenstaubsedimente, Meta Mata und Alice im Garten der Zeichen.
Die Raumzeichnungen von Jörg Mandernach
(erschienen im Katalog  Jörg Mandernach, Im Garten der Zeichen, 2009)

Die Vorstellungskraft des Kindes lässt Absonderliches mit den Dingen passieren. Stofftiere, Puppen, einfache Holzklötze oder beliebige Fundstücke nehmen ein Eigenleben an, beginnen miteinander zu agieren und einem ganz eigenen Kosmos Gestalt zu geben. Im Spiel gewinnen die Dinge eine Persönlichkeit, einen Charakter, eine Magie, die, ursprünglich der Fantasie des Kindes entsprungen, mit diesem zu interagieren beginnt. Es formt sich eine dem Außenstehenden unbegreifliche Realität, mit einer eigenen Sprache und eigenen Regeln, in der das eine aus dem anderen hervorgeht, alles in irgendeiner Weise mit allem verbunden ist.

Die Raumzeichnungen von Jörg Mandernach verdanken sich scheinbar einem ähnlichen Mechanismus. Offenbar hat der Künstler sich die Perspektive des Kindes zu eigen machen können. Einer Dimension zwischen Traum und Wirklichkeit entwichen sind eigentümliche Dinge und Figuren in den Ausstellungsraum eingefallen, um sich hier in einer spielerischen Performance temporär niederzulassen. Für seine zeichnerischen Installationen nimmt Jörg Mandernach zwar die Atmosphäre des jeweiligen Ortes auf, um diesen dann aber – in einem poetischen Schöpfungsakt – grundlegend zu verwandeln. Traditionelle Bildformate, Wand-, Boden- und Deckenfläche umspannende Zeichnungen und Klebestreifen sowie im Raum verteilte Objekte bilden die Komponenten einer gleichsam szenischen Intervention.

Die Motive seiner Bildentwürfe sind grundsätzlich dem eigenen Erlebten entnommen. Seine Relation zur Wirklichkeit benennt Jörg Mandernach selbst als fortwährenden „Stoffwechselprozess“, in dem tagebuchartige Skizzenzettel und Notate persönlicher Erfahrungen und Eindrücke sich mit Fundstücken aus den Medien, aus Kino, Oper, TV-Zeitschriften, Comic und Literatur ineinander verweben. High and low, treasure and trash, Privates und Öffentliches verschmelzen und bringen als Katalysatoren eine eigenwertige Wirklichkeit hervor. Die verschiedenen Erfahrungsebenen stehen dabei in einer fortwährenden Austauschbeziehung. Im Prozess der Verarbeitung stellen sich symbolische oder ikonographische Bezüge ein, die persönliche, gesellschaftliche und kulturgeschichtliche Aspekte verschränken und hierüber erweiterte Deutungsebenen erschließen. In Variationen werden die Themenstellungen durchgespielt und zu Werkgruppen zusammengefasst. Diese bilden wiederum den motivischen Ausgangspunkt einer sich in gleichsam musikalischen Improvisationen immer neu entfaltenden Rauminszenierung. Die zeichnerischen Installationen von Jörg Mandernach durchfließen so unterschiedliche zeit-räumliche Ebenen.

Dabei zerfallen einzelne Motive zu kryptischen Fragmenten, die sich erst aus einem ganz bestimmten Blickwinkel wieder zu Figuren und Gegenständen zusammenfügen und identifizieren lassen. Jeweils in Abhängigkeit vom Standort des Betrachters konfiguriert sich die Rauminszenierung permanent neu. Jörg Mandernach setzt ein interaktives Spiel in Gang, das durch Aufscheinen und Verschwinden von Dingen, Auf- und Abtritte von Figurationen eine dramaturgische Qualität gewinnt.

Als Fundus seiner Bild-Raum-Interventionen sichtet Jörg Mandernach sein persönliches Bildarchiv permanent neu. Auf die sammelnde und ordnende Tätigkeit folgt die Umsetzung in vergleichsweise traditionelle Bildformate: Acryl und Enkaustik auf Holz, Linol- und Holzschnitt, Tuschzeichnungen. Diese künstlerischen Techniken werden dann aber in einer Entgrenzung der Gattungen und Methoden mit einer Vielzahl unterschiedlicher Materialien und Gestaltungsmittel kombiniert. Die Bildmontagen nehmen Fotografien, Garn, Transparentpapier, Tipp-Ex und Karton in sich auf. Gegenständlich oder figürlich zu bestimmende Elemente verwandeln sich in diesem Prozess zu rein formalen, abstrakten Strukturen. In einer Umkehrbewegung laden konkrete Farb-Form-Partikel sich semantisch auf, um die Gestalt von Zeichen anzunehmen und das Bildgefüge kryptisch zu durchdringen. Das der Komposition jeweils zugrunde gelegte Motiv entfächert sich vielgestaltig in Farbformationen und Oberflächenwirkungen, zeichnerische Elemente und tektonische Ordnungen, um damit die Enge und Konkretheit der thematischen Festlegung auszuweiten und assoziativ – je nach Syntax, Kontext, Blickwinkel und Empfänger – weitere mögliche Konnotationen zu erwecken.

Die Rahmung und akademische Hängung im Ausstellungsraum zitiert einen traditionellen Wertekanon, der im folgenden Arbeitsschritt gleichermaßen aufgesprengt wird. Linienverläufe werden aus den Bildern heraus aufgenommen und in Wandzeichnungen oder Klebebandinstallationen in die räumliche Situation hinein verlängert. Das, was in den gerahmten Bildern noch als Abbild zu begreifen ist, gewinnt hier eine raumgreifende Präsenz, die sich nicht mehr in den geläufigen Kategorien von Wirklichkeit, Bild und Abbild erfassen lässt. Es scheint so, als habe man eine Spiegelfläche durchschritten, um gemeinsam mit ‚Alice in Wonderland’ in eine rätselhafte Parallelwelt einzugehen. Gestrichelte, punktierte und durchgezogene Linienverläufe formieren sich zu schemenhaften Figuren, Gebäuden und Landschaften. Wie in einer filmischen Animation sind diese durch eine unsichtbar in ihnen wirksame Energie zu immer neuen Formbildungen angestoßen, um jederzeit wieder zu ungebundenen Linien oder hieroglyphischen Zeichen zerfallen zu können. Hockend, kauernd, liegend oder aufrecht verharrend, tasten die Gestalten sich zu nicht nachvollziehbaren Handlungen vor. Spürbar wird ein Geschehen, ein Ereignis, vielleicht gar eine Geschichte, die, gleichwohl niemals zu Ende erzählt, sich wenn überhaupt assoziativ erschließen lässt. Der Betrachter sieht sich zunehmend in eine ihn schleichend umwindende Erzählung eingebunden, deren roten Faden er jedoch ständig wieder zu verlieren droht. Als Akteur begibt er sich auf die Ebene dieser Schattenwesen, um selbst – nunmehr auf der Ebene des Regisseurs – das skizzenhaft und in ständig wechselnden Perspektiven angerissene Geschehen, wie einen szenischen Marionettentanz, weiter spinnen zu können.

Dem Aufsatz Kleists „Über das Marionettentheater“ vergleichbar, sind die zeichnerischen Installationen von Jörg Mandernach ein „Paradestück“ an Rätselhaftigkeit. Symbolen und Persönlichkeiten, die eine kohärente Erzählung eröffnen, sind Bilder zur Seite gestellt, die einzig und allein einen paradoxen Wert verkörpern, sind sie doch im Moment ihres eigenen Sicht- bzw. Unsichtbarwerdens erfasst. In einem Schattentheater der Figuren und Dinge findet Jörg Mandernach eine Möglichkeit, die aus der Alltags- und Medienwelt kometenhaft auf ihn einstürzenden Bilder in eine Choreographie von Harmonie und Leichtigkeit einzugliedern. Es eröffnet sich ihm ein Weg, für sich selbst Grenzen zu ziehen und gleichzeitig ihm von außen auferlegte Grenzen zu durchbrechen.

 

Christoph Kivelitz
Thought-Dust Sediments, Meta Mata, and Alice in the Garden of Signs.
The Room Drawings of Jörg Mandernach
(published in the exhibition catalog  Jörg Mandernach, Im Garten der Zeichen, 2009)


The child’s imaginative power lets bizarre things happen to objects. Stuffed animals, dolls, simple wooden blocks, or arbitrary found objects take on a life of their own, begin to act together, and give form to a universe all their own. In play, things acquire a personality, a character, a magic that, originally arising from the child’s imagination, begins to interact with it. A reality forms that is incomprehensible to the outsider, a reality with its own language and its own rules in which one thing leads to another and everything is connected in some way with everything else.

Jörg Mandernach’s room drawings seem to arise by a similar mechanism. The artist was apparently able to make the child’s perspective his own. Peculiar things and figures have escaped from a dimension between dream and reality, invading the exhibition room to temporarily abide here in a playful performance. For his drawing installations, Jörg Mandernach takes up the atmosphere of the respective site, but then alters it fundamentally in an act of poetic creation. Drawings and adhesive tapes extending over traditional picture formats and the surfaces of walls, floors, and ceilings along with objects distributed in the room are the components of what is like a scenic intervention.

 

The motifs of his picture designs are always taken from his own experience. Jörg Mandernach describes his relation to reality as a continuous “process of metabolism” in which diary-like sketch snippets and notes on personal experiences and impressions are interwoven with found objects from the media: cinema, opera, television magazines, comics, and literature. High and low, treasure and trash, the private and the public fuse and, as catalysts, bring forth a reality in its own right. The various levels of experience thereby stand in a relationship of continuous exchange. In the course of processing, symbolic or iconographic relations emerge, interlocking personal, societal, and cultural-historical aspects and opening up expanded on which to interpret them. The chosen themes are played through in variations and brought together in work groups. These in turn are the motific starting point for room stagings that unfold ever anew, like musical improvisations. Jörg Mandernach’s drawing installations thus flow through various spatio-temporal levels.


Individual motifs thereby fall apart into cryptic fragments that then reassemble into figures and objects and can be identified only from a very specific angle. Depending on the respective position of the viewer, the room staging reconfigures itself, continually anew. Jörg Mandernach sets an interactive game in operation that takes on a dramaturgical quality by means of the emergence and disappearance of things, the appearance and exiting of figurations.

Jörg Mandernach constantly sifts his personal picture archive as an inventory for his picture-room interventions. The collecting and ordering activity is followed by implementation in comparatively traditional picture formats: acrylic and encaustic on wood, linoleum or woodcuts, ink drawings. But these artistic techniques are then combined in an elimination of the boundaries between genres and methods, with a wide variety of different materials and means of composition. The picture montages take up photographs, yarn, tracing paper, white-out, and cardboard in themselves. In this process, elements that can be recognized as representational or figurative are transformed into purely formal, abstract structures. In a reverse movement, concrete color-form particles take on a semantic charge, in order to take on the form of signs and to cryptically penetrate the pictorial structure. The motifs upon which the composition is respectively based unfold multiply in color formations and surface effects, drawing components and tectonic orders, in order to expand the previously narrow and specific thematic determination and to rouse associations of additional possible connotations – depending on the syntax, context, viewpoint, and recipient.


The framing and academic hanging in the exhibition room quotes a traditional canon of values that is nonetheless exploded in the next phase of work. Wall drawings or adhesive tape installations take up the course of lines in the pictures and extend them into the spatial situation. What can still be understood as depiction in the framed pictures here takes on an expansive presence that cannot be grasped with the usual categories of reality, picture, and depiction. It appears as if, together with “Alice in Wonderland”, one had stepped through the surface of a mirror to enter into an enigmatic parallel world. Dashed, dotted, or continuous courses of lines form up into vague figures, buildings, and landscapes. As in an animated film, an energy, invisible in its effect, prods them into ever new formations that are able at all times to decay again into unconnected lines or hieroglyphic signs. Crouching, cowering, lying, or persisting erected, the figures feel their way forward to unknown actions. The viewer can feel a process, an event, perhaps even a story that, nonetheless, is never told to its conclusion and can be understood associatively at best. The viewer increasingly sees himself integrated in a windingly slinking narrative whose thread he is nevertheless always in danger of losing. As actor, he moves onto the level of these shadowy beings in order to be able, now on the level of director, to spin forth the sketchy development, which is marked out from constantly changing perspectives, like a scenic dance of marionettes.

 

Comparable to Kleist’s essay “On the Marionette Theater”, the drawing installations of Jörg Mandernach are a paragon of mystery. Symbols and personalities that open up a coherent narrative are joined by pictures that embody solely a paradoxical value, since they are grasped in the very moment that they become visible or invisible. In a shadow theater of figures and things, Jörg Mandernach finds a way to integrate the images crashing over him from everyday life and the media into a choreography of harmony and lightness. A path opens up for him to draw limits for himself and at the same time to break through boundaries imposed on him from the outside.

Translation: Mitch Cohen